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LumaVerba Language Services

Nahaufnahme von dick aufgetragenen Farbfeldern, die von Seeschaumgrün-Türkis in tiefes Indigoblau übergehen, als Sinnbild für Farbkategorie-Grenzen in verschiedenen Sprachen

Bei Homer ist das Meer nie blau. Nicht blau, nicht azur, nicht himmelblau: In der Ilias und der Odyssee ist das Meer „weinfarben“, der Himmel bronzefarben, Schafe violett, Honig grün. Wer genug davon liest, fragt sich irgendwann, ob der Dichter, der das „weinfarbene“ Ägäische Meer beschreibt, wirklich dieselben Farben gesehen hat wie wir heute.

1858 fiel dem britischen Gelehrten und Politiker William Gladstone genau dieses Muster auf, und er ging der Sache nach. Er zählte jedes Farbwort in Homers Epen und fand Schwarz und Weiß in Hülle und Fülle, Rot recht häufig, Gelb und Grün selten, und Blau, die Farbe von Meer und Himmel, die Homer auf fast jeder Seite beschreibt, kein einziges Mal beim Namen genannt. Gladstones Schlussfolgerung machte ihn in der Altphilologie berühmt, allerdings aus dem falschen Grund: die Vorstellung, die alten Griechen seien in gewissem Sinne farbenblind gewesen.

Das waren sie nicht. Die tatsächliche Erklärung ist seltsamer und zugleich aufschlussreicher als der Mythos, und sie zeigt etwas Konkretes darüber, wie Sprache und Wahrnehmung wirklich zusammenhängen.

Was Gladstone eigentlich sagte

Gladstone selbst hat nie behauptet, die Griechen hätten kein Blau sehen können. Liest man über die Schlagzeile hinaus, ist sein eigentliches Argument enger gefasst: Homer ordnete Farbsprache vor allem nach Helligkeit, einer „quantitativen Skala“ von hell bis dunkel, statt nach Farbton, jener „qualitativen Skala“ aus Rot, Grün, Blau und so weiter, die im heutigen Sprachgebrauch dominiert. Zeus‘ Augenbrauen werden übrigens mit kyanós beschrieben, genau dem Wort, das später zum griechischen Standardbegriff für Blau wurde. Bei Homer bedeutete es eher etwas wie „dunkel“.

Homer war also nicht blind für Blau. Er arbeitete mit einem Wortschatz, der die Welt zuerst nach Licht und Schatten sortierte, nach Farbton erst danach, wenn überhaupt. Das ist eine Aussage über Wörter, nicht über Augen, und die Kluft zwischen beidem erweist sich als überraschend bedeutsam.

Ein Muster mit erstaunlicher Regelmäßigkeit

Homer ist kein Einzelfall. 1969 werteten die Linguisten Brent Berlin und Paul Kay Farbwortschätze in Dutzenden Sprachen aus und bemerkten etwas Auffälliges: Wenn eine Sprache nur wenige Grundfarbwörter besitzt, sind das fast nie beliebige Begriffe. Sprachen fügen Farbwörter offenbar in einer ähnlichen Reihenfolge hinzu, zunächst ein Wort für hell/dunkel, dann Rot, dann Grün oder Gelb, irgendwann beide, dann Blau, dann Braun, und erst später die feineren Unterscheidungen Violett, Rosa, Orange und Grau.

Spätere Linguistinnen und Linguisten, darunter Barbara Saunders und Stephen C. Levinson, haben diese strenge Abfolge deutlich in Frage gestellt, und die universelle Version von Berlin und Kays Hierarchie gilt heute nicht mehr als gesicherte Tatsache. Die grundsätzliche Beobachtung hat sich aber gehalten: Blau gehört über viele nicht verwandte Sprachen hinweg meist zu den zuletzt hinzukommenden Grundfarbwörtern. Womit sich die naheliegende Frage stellt: Wenn eine Sprache kein eigenes Wort für Blau hat, nehmen ihre Sprecherinnen und Sprecher die Farbe dann tatsächlich anders wahr, oder sprechen sie nur anders darüber?

Wo aus der Mythenkorrektur echte Wissenschaft wird

Hier wird die Beweislage wirklich interessant, denn sie lässt sich im Labor testen, an lebenden Sprecherinnen und Sprechern, nicht nur aus einem 3.000 Jahre alten Gedicht erschließen.

Russisch gehört zu den wenigen modernen Sprachen ohne ein einziges Wort für „Blau“, wie es das Deutsche oder Englische kennt. Stattdessen unterscheidet Russisch verpflichtend: goluboy für Hellblau, siniy für Dunkelblau, zwei getrennte, nicht verwandte Grundfarbwörter, ähnlich wie im Deutschen „Rosa“ und „Rot“ als eigenständige Farben gelten und nicht als Schattierungen einer einzigen.

2007 testete ein Team um den Psychologen Jonathan Winawer, ob diese Aufteilung tatsächlich beeinflusst, wie schnell russischsprachige Personen die Farbe Blau verarbeiten. Versuchspersonen sahen drei blaue Quadrate und sollten so schnell wie möglich sagen, welche zwei zusammenpassen. Lag die Grenze zwischen goluboy und siniy genau zwischen den beiden passenden Quadraten, eines hellblau, eines dunkelblau, waren russischsprachige Personen nachweislich schneller darin, sie zu unterscheiden, als wenn beide Quadrate in dieselbe Kategorie fielen. Englischsprachige, denen diese sprachliche Grenze fehlt, zeigten keinen vergleichbaren Geschwindigkeitsvorteil.

Der entscheidende Punkt: Beschäftigte man die Versuchspersonen während der Farbaufgabe zusätzlich mit einer Aufgabe, die das sprachliche Denken band, verschwand der Vorteil der russischsprachigen Gruppe. Eine Aufgabe, die stattdessen das räumliche Denken beanspruchte, ließ den Vorteil dagegen bestehen. Genau dieses Detail macht aus einem Zufallsbefund einen Hinweis auf einen ursächlichen Mechanismus: Der Geschwindigkeitsvorteil läuft konkret über aktive Sprachverarbeitung, nicht über das Sehen allgemein.

Und es betrifft nicht nur Russisch

Dasselbe Muster zeigt sich am anderen Ende des Farbspektrums. Die Himba in Namibia sprechen Otjiherero, das mit einem einzigen Wort, burou, das abdeckt, was im Deutschen als Blau und Grün (und teils auch Violett) getrennt wird, eine sogenannte „Grün-Blau“-Sprache. In einer Studie von 2005 fand die Forscherin Debi Roberson mit ihrem Team, dass Himba-Sprechende an genau der Blau-Grün-Grenze, auf die sich Deutsch- oder Englischsprachige verlassen, keinen Unterscheidungsvorteil zeigten, wohl aber an Farbgrenzen, die ihre eigene Sprache markiert und das Deutsche nicht.

Stellt man Winawers russisches Ergebnis neben Robersons Himba-Befund, ergibt sich ein konsistentes Bild: Menschen werden dort messbar schneller und automatischer beim Unterscheiden von Farben, wo ihre eigene Sprache eine feste Grenze zieht, und nicht schneller dort, wo sie das nicht tut, unabhängig davon, ob die zugrunde liegenden Farben für das menschliche Auge „eigentlich“ unterschiedlich aussehen sollten. Die Sehkraft steht dabei nicht zur Debatte. Gemessen wird die Geschwindigkeit einer Kategorisierung, die das Gehirn dutzende Male am Tag vornimmt, und genau diese Geschwindigkeit verschiebt sich mit dem Wortschatz.

Also: Wort für Blau, oder kein Wort für Blau?

Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte lautet die ehrliche Antwort: „kein Wort dafür“ und „konnte es nicht sehen“ sind zwei völlig verschiedene Behauptungen, und nur eine davon hält stand. Homers Griechisch, und jede heute gesprochene „Grün-Blau“-Sprache, kann das gesamte sichtbare Lichtspektrum genauso gut wahrnehmen wie deutsche oder englische Sprecherinnen und Sprecher. Was sich ändert, ist, wie automatisch eine Farbe in eine benannte Kategorie einsortiert wird, und ausgerechnet diese Sortiergeschwindigkeit ist real, mehrfach bestätigt und im Labor messbar, keine dichterische Ausschmückung antiker Poeten.

Diese Unterscheidung zwischen „das Wort existiert nicht“ und „der Begriff lässt sich nicht übertragen“ ist mehr als eine linguistische Kuriosität. Literatur- und Marketingübersetzer stoßen in der Praxis genau darauf: Ein Ausgangstext, der um einen „Grün-Blau“-Farbbegriff herum aufgebaut ist, oder um eine kulturell aufgeladene Nuance ohne saubere deutsche Entsprechung, hat kein fertiges Eins-zu-eins-Gegenstück auf der anderen Seite. Das richtig zu lösen erfordert mehr als das Austauschen von Wörtern; es erfordert jemanden, der zuerst versteht, was der ursprüngliche Begriff tatsächlich leistet, bevor entschieden wird, wie er in die Zielsprache übertragen wird. Genau um diese Art von Urteilsvermögen geht es bei der Übersetzungsarbeit von LumaVerba.

Quellen

  • Wikipedia, „Wine-dark sea“ – Gladstones ursprüngliche Analyse von 1858 zur homerischen Farbsprache und die moderne wissenschaftliche Korrektur des Mythos von den „farbenblinden Griechen“. en.wikipedia.org
  • Wikipedia, „Basic Color Terms“ – Zusammenfassung von Berlin & Kay (1969) und der späteren Kritik an der strengen universellen Hierarchie. en.wikipedia.org
  • Winawer, J., Witthoft, N., Frank, M.C., Wu, L., Wade, A.R., Boroditsky, L. (2007). „Russian blues reveal effects of language on color discrimination.“ PNAS 104(19), 7780–7785. doi.org
  • Roberson, D., Davidoff, J., Davies, I.R.L., Shapiro, L.R. (2005). „Colour Categories in Himba: Evidence for the Cultural Relativity Hypothesis.“ Cognitive Psychology.